Meine Mutter hatte sich bereits vor Jahren gewünscht, dass ich sie bei ihren letzten Atemzügen begleiten solle. Sich dies zu wünschen, ist das Eine. Aber ob die Umstände des Lebens für ein so bedeutsames und zeitlich nicht absehbares Ereignis so günstig zusammenspielen, ist etwas anderes.

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In diesem Fall aber war meiner Mutter das Leben gnädig gestimmt und ich konnte ihrem Wunsch tatsächlich nachkommen. Ich war zur rechten Zeit am rechten Ort, nämlich in ihrer eigenen Wohnung.

Aber nicht nur hier war das Schicksal ihr wohl gesonnen. Vor einigen Monaten war meine Mutter im eigenen Hausflur Claudia (der Name wurde geändert), einer Frau von einem öffentlichen Pflegedienst, begegnet, die auch im Hospiz tätig ist. Die beiden kamen ins Gespräch und meine Mutter erkundigte sich sehr genau, wie das Lebensende eines Menschen verlaufen kann. Die beiden verstanden sich auf Anhieb und meine Mutter verabschiedete sich mich dem Wunsch, auch von Claudia begleitet zu werden.

Wir hatten für die Pflege meiner Mutter eine Hilfe von einem örtlichen Pflegedienst bestellt. Nachdem die diensthabende Pflegerin eine Woche lang mit einer Grippe im Bett lag, trat Claudia stellvertretend den Dienst an und stand meiner Mutter in den letzten Tagen ebenfalls zur Seite. Zufall? Fügung? Gutes Karma? Was wissen wir schon!

Ein Raum des Lichts

Von Claudia erfuhr ich, dass sie im Alter von vier Jahren eine Nahtoderfahrung gemacht hatte. Mit einem Strahlen in den Augen erzählte sie mir, wie schön es auf der „anderen Seite“ ist. Sie beschrieb den Raum, den wir betreten, wenn die Seele den Körper verlässt, als äußerst lichtvoll und schön. Ihre Zuversicht und auch mein Wissen, dass es etwas in uns gibt, was unsterblich ist, machte es mir möglich, den Tod freundlich, respektvoll und voller Liebe willkommen zu heißen. Ich konnte mich ganz und gar auf ihre Bedürfnisse einschwingen und ihr den Raum schaffen, in dem sie sich vollkommen entspannen konnte. Hier halfen mir besonders meine Erfahrungen aus der Meditation, um meinen Geist auszurichten und Mantras zu rezitieren, die Weite, Liebe und Licht einladen.

Ein altes Kleid

Im Yoga geht man davon aus, dass einem Menschen eine ganz bestimmte Anzahl an Atemzügen zur Verfügung steht. Sind diese verbraucht, so ist seine Zeit hier auf Erden vorbei und die Seele kann den Körper abstreifen wie ein altes Kleid. Das Bild des alten Kleides, das Krishna in der Bhagavad-Gita benutzt um seinem Schüler Arjuna die Beschaffenheit der Seele zu vermitteln, berührte mich zutiefst, als ich diese Passage zum ersten Mal gelesen hatte. Und auch jetzt ging mir dieses Bild sehr nahe, als ich diesen 85 Jahre alten Körper auf dem Bett liegen sah. Die Situation fühlte sich auch für mich sehr stimmig an und für mich war immer mehr wahrnehmbar, dass die Seele meiner Mutter im Begriff war, eben dieses alte Kleid abzustreifen, um in die Freiheit zu gehen.

Ein heiliger Raum des Friedens

Als meine Mutter ihren letzten Atemzug getan hatte, saßen wir noch eine Weile in dem heiligen Raum des Friedens, der entsteht, wenn eine Seele den Körper verlassen hat. Für mich sind dies ganz besondere Momente, die so einzigartig sind: ein Ausdruck der totalen Präsenz. Momente, in denen Raum und Zeit zusammenfallen und alles im Sein aufgeht. Reines Sein. Purer Frieden.

Dann öffneten wir das Fenster, um der Seele einen Weg in die Freiheit zu weisen. Denn – so erzählte Claudia, die auch hellsichtig war – die Seele eines Menschen verlässt wie eine feine Rauchschwade den Körper über den Mund und sollte dann nach Möglichkeit in die Freiheit entlassen werden. Ein alter Brauch, längst vergessen.

Stunden später wuschen wir den Leichnam, und ja, in diesem Moment spürte ich, dass ich nur noch ein altes Körperkleid in den Händen hielt.

Am nächsten Morgen, früh im Morgengrauen, sang ein Vogel ein so schönes und zutiefst berührendes Lied, dass es mein ganzes Wesen erfasste. Es war der Gesang der Seele, den ich zu hören meinte. In diesem Moment weinte ich in Trauer um den Verlust der Mutter und in Freude um das Wissen der Unsterblichkeit der Seele.Anzeige

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Doris Iding
Doris Iding ist Ethnologin, Yoga-, Meditations- und Achtsamkeitslehrerin sowie Autorin mit Schwerpunkt Integration östlicher Heilverfahren in den Westen und bewusstseinsverändernde Techniken. Ihr besonderes Interesse liegt in der Vermittlung eines neuen Bewusstseins, bei dem der Mensch nicht mehr dogmatisch an alten Traditionen und Lehren festhält, sondern sich dafür öffnet, dass alles miteinander verbunden ist. In ihren Artikeln und Seminaren vermittelt sie auf leichte und spielerische Weise, wie wir entspannt, achtsam und wohlwollend zu uns selbst finden können. Vierzehn ihrer Bücher wurden in andere Sprachen übersetzt.