Wie leicht fällt es dir, am frühen Morgen einfach in Stille zu meditieren? Ohne Yoga. Ohne Pranayama. Einfach so. Von Atemzug zu Atemzug. Mit sich selbst zu sein ist gar nicht so leicht. Aber man kann es lernen, mit viel Geduld und Vertrauen in die eigene Quelle.

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Wenn ich Achtsamkeitstage oder Yogaretreats anbiete, beginne ich die Einheit gerne mit einer stillen Meditation – 20 oder 30 Minuten lang, vom Bett auf das Kissen, sich selbst begegnen, ungeschminkt. Ohne sich durch Sonnengrüße aufzuwecken oder durch ein paar Atemübungen zu beruhigen. Ich leite die Meditationen dann gerne mit dem Satz ein: „Alles was ist, darf sein.“

Immer wieder berichten die Teilnehmer mir im Anschluss, wie schwierig es für sie ist, einfach nur dazusitzen und sich selbst wahrzunehmen – mit allem, was ist. Eine Teilnehmerin erklärte mir: „Wenn ich mich morgens aufs Kissen setze, dann kommt ein Druck in meiner Brust auf, den ich nicht spüren möchte. Deshalb mache ich ein paar Sonnengrüße, bewege mich. Wenn ich mich eine Weile bewegt habe, wird es leichter und der Druck geht weg.“ Ein anderer Teilnehmer formulierte es so: „Wenn ich in der Meditation zur Ruhe komme, nach innen schaue und nur noch mit mir selbst konfrontiert bin, dann halte ich mich ehrlich gesagt gar nicht aus. Ich werde dann so unruhig, dass ich am liebsten vom Kissen aufspringen und mich irgendwie beschäftigen möchte.“

In Beziehung gehen mit der Stille

Ich selbst kenne diese Unruhe, dieses Mich-nicht-aushalten-können leider nur zu gut. Es hat lange gedauert, bis ich auf dem Kissen mit mir alleine sein konnte. Ein ausschlaggebender Moment war der, als ein Lehrer während der MBSR-Lehrerausbildung zu uns sagte: „Ihr habt jetzt gelernt, eure Körperempfindungen, Gedanken und Gefühle wahrzunehmen, zu beobachten und in Beziehung damit zu gehen. Das Gleiche könnt ihr auch mit der Stille in euch tun.“ Dieser Satz berührte mich im tiefsten Innern. Ich hatte die Stille immer wieder während der Meditation erfahren, mehr oder weniger zufällig. Aber ich war niemals bewusst mir ihr in Beziehung gegangen. Vielleicht hatten mich schon viele Meditationslehrer vorher dazu aufgefordert, aber an diesem Tag war die Botschaft zum ersten Mal bei mir angekommen. Vielleicht kennst du das ja selbst: Du hörst eine Anleitung immer und immer wieder. Doch eines Tages erfährst du unmittelbar, was damit gemeint ist. Aus diesem Grunde wiederholen spirituelle Lehrer ja auch häufig ihre Aussagen.

Alles was ist, darf sein

Seit diesem Tag ist meine Meditation eine andere. Ich kann viel leichter und schneller in Kontakt kommen mit der Stille in mir, weil ich bewusst die Aufmerksamkeit auf sie richte und dann in sie eintauche. Aber das gelingt mir natürlich auch nicht immer. An manchen Tagen ist einfach Traurigkeit, Wut, Ärger, Langeweile oder irgendein anderes störendes Gefühl da, was meine Aufmerksamkeit absorbiert. Dann geht es darum, erst einmal mit diesem Gefühl in Beziehung zu gehen; es da sein zu lassen. Wahr-nehmen. Nehmen, was wahr ist. Und dann aber auch wieder loslassen. Mich nicht zu lange und zu sehr verwickeln lassen in die Geschichte, die mit diesem Gefühl einhergeht. Kommt zum Beispiel Traurigkeit auf kann es passieren, dass ich unsäglich traurig werde und weine. Lasse ich diese Traurigkeit aber vollends da sein, dann löst sie sich irgendwann auf. Denn: Wenn da sein kann, was ist, kann sich das, was ist, auch verändern. Dann kommt die Stille automatisch zum Vorschein – die Stille, der alles in mir zugrunde liegt.

Nichts hinzunehmen, nichts weglassen

Die Kunst für mich bestand darin, nicht einzusteigen auf die Geschichten, die mit den Gefühlen, Gedanken und Körperempfindungen einhergingen. Das gilt übrigens auch für positive Gefühle, Gedanken oder Bilder. Manchmal tat sich ein so tiefes Gefühl der Liebe auf, dass ich das Gefühl hatte, davon weggeschwemmt zu werden. Auch ein solches Gefühl einfach da sein zu lassen und nicht in der Geschichte zu versinken, die sich da gerne entspinnt, braucht immer wieder Übung. Oder aber es zeigen sich Bilder, Farben und Formen, die wunderschön und beeindruckend sind. Dann bin ich aufgefordert, nichts hinzuzunehmen oder wegzulassen. Wenn es da sein darf, kann es sich wieder verändern.

Natürlich ist es leichter, sich in Gefühlen der Liebe und der Freude, in Bildern des Lichts und der Farbenpracht sowie Engelscharen auszuhalten, als in Wut, Ärger und Gram. Aber letztendlich sind auch das alles nur Gedanken und Gefühle. Wenn ich sie loslasse, kommt die Stille wieder in den Vordergrund. Dann lasse ich mich in sie hineinsinken und bade darin. Solange, bis mein Verstand sich wieder an einen Gedanken oder ein Gefühl hängt, was aus der Stille auftaucht und etwas damit macht. Was immer kommt, darf sein. Und wenn alles sein darf, dann lernen wir, uns immer besser selbst auszuhalten. Selbst am frühen Morgen. Ungewaschen. Einfach so, wie wir sind: vollkommen.Anzeige