Yoga hat die Kraft, unser Leben grundlegend zu verändern. Er kann uns neue Perspektiven aufzeigen, uns ungeahnte Energie schenken und uns helfen, uns von unheilsamen Gewohnheiten in Liebe zu lösen. Davon kann der sympathische internationale Yogalehrer Les Leventhal viele Geschichten erzählen. Geschichten über Sucht, Ablehnung, schmerzhafte Tiefpunkte und neue Wege. Und das tut er auch – denn seine Erfahrungen sollen seinen Yogaschülern eine Inspiration sein, Herausforderungen und sich selbst vollkommen anzunehmen. Wir trafen Les Leventhal auf dem Yoga-Summit Innsbruck 2017 und stellten ihm Fragen zu seiner bewegenden persönlichen Reise.

Interview

YOGA AKTUELL: Bitte berichte uns ein wenig von deiner Reise und wie Yoga in dein Leben kam!
Les Leventhal:
Bis ganz weit zurück habe ich eine fantastische Geschichte. Ich bin von Zuhause weggelaufen und habe schon früh versucht, Dingen in meinem Leben zu entkommen. Hieraus entwickelten sich später Drogen- und Alkoholabhängigkeit und weitere Süchte. Ich habe sehr oft versucht, clean zu werden. Doch gleichzeitig dachte ich, ich sei eigentlich zu jung dafür und wollte einfach Party machen. In den frühen neunziger Jahren machte ich dann einen großen Management-Abschluss und fing an, für eine Bank zu arbeiten. Zu dieser Zeit versuchte ich, meine Familie glücklich zu machen. Ich verdiente sehr viel Geld – aber ich war nicht glücklich. Ich war kaufsüchtig und kaufte mir jede Menge Kleider, von denen ich viele nicht einmal trug.

Zu dieser Zeit ging ich in ein kleines Fitnessstudio in San Francisco, das einem Einheimischen gehörte. Aber das Studio musste wegen der großen Firmen und Unternehmen schließen. Also trat ich einem großen Fitnessstudio bei, zu dem ich durch die ganze Stadt fahren musste, und das um 5.30 Uhr am Morgen. Es war im Januar 1999. Ich betrat das Studio und das Erste, was ich sah, war der Mann der dann später mein Ehemann wurde. Heute, 18 Jahre später, sind wir noch immer zusammen. Also dachte ich: „Wow, dieses Studio gefällt mir!“ (lacht). Einer meiner guten Freunde besuchte das gleiche Studio. Wir hoben schwere Gewichte, wir liefen, wir fuhren Rad, wir hatten beide jede Menge Verletzungen. Er sagte, wir sollten Yoga machen, da er gehört hatte, Yoga sei gut gegen Verletzungen. Also gingen wir eines Tages im Studio in eine Yogaklasse. Die Matten waren schmutzig, im Raum lief die Klimaanlage … der erste Eindruck war ziemlich eklig. Die Lehrerin war zu der Zeit noch recht neu, sie leitete eine Forrest Yoga-Klasse an, was ziemlich anders war als das, was ich zu dem Zeitpunkt für Yoga hielt. Am Ende der Stunde legten wir uns für Shavasana hin und ich hatte eine sehr emotionale Erfahrung. Ich weinte sogar ein wenig.

Ich bin ein Süchtiger. Als ich die Yogastunde verließ, wollte ich mehr. Ich fragte mich, ob das eventuell etwas war, wonach ich mein ganzes Leben lang gesucht hatte. In dieser Nacht war ich sehr ruhig und schlief hervorragend. Also ging ich wieder und wieder zum Yoga. Zu Beginn war es für mich einfach ein gutes Training. Aber dann hatte ich meine erste Erfahrung in einem Yogastudio, und das war für mich wie ein Besuch in der Kirche. Ich bin Jude, allerdings war ich in meinem Leben schon in vielen Kirchen, weil ich immer auf der Suche war und nach einer spirituellen Verbindung Ausschau hielt. Dann gab ich all mein Geld für Dinge aus, die in irgendeiner Art und Weise mit Yoga verbunden waren. Später besuchte ich dann mit einem meiner Lehrer mein erstes Retreat in den Bergen, bei dem wir keine Handys oder Laptops dabei hatten. Mit fehlten die Worte. Ich wollte nicht mehr nach Hause gehen. Es hat mein Leben verwandelt.

Was genau hat sich für dich verändert?
Zu dieser Zeit funktionierten Drogen und Alkohol für mich nicht mehr, denn sie standen im Widerspruch zu meiner Yogapraxis. Ich war sehr wütend darüber (lacht). Ich dachte, ich muss einen Weg finden, das alles unter einen Hut zu kriegen, meinen neuen Job und meine Beziehung. In meinem Entzug habe ich gelernt, dass du das verlieren wirst, was du vor deinen Entzug an erste Stelle setzt. Ich dachte: „Ich mag meinen Job, ich mag meinen Partner, ich liebe Yoga. Ich will diese Dinge nicht verlieren.“ Gott sei Dank erreichte ich zu diesem Zeitpunkt einen absoluten Tiefpunkt in einer anderen Art und Weise. Denn als ich das erste Mal einen Tiefpunkt erreichte, dachte ich noch, all die anderen wären Schuld. Aber diesmal erkannte ich, dass ich selbst das Problem war und dass ich mich darum kümmern musste. Ich hatte großes Glück, dass ich beinahe alles verloren hätte. Und ich wurde wieder clean.
Yoga wurde immer wichtiger für mich. Ich besuchte mehr Seminare und Retreats und studierte mit weiteren Lehrern. Ich besuchte außerdem meine erste Yoga Journal Conference in San Francisco, wo ich all diese tollen Lehrer traf: Seane Corn und Rodney Yee, Shiva Rea, Anna Forrest, Baron Baptiste … Wow! Es gab immer mehr; darum war der Süchtige in mir sehr zufrieden. Ich bin absolut süchtig nach Yoga. Aber meiner Meinung nach schadet mir das in keiner Weise, so lange ich nicht an jedem Tag der Woche unterrichte.

Eine deiner Maximen ist: „Transformiere deine Herausforderungen in Geschenke.“ Wie wendest du sie selbst in deinem Leben an?
Die Abhängigkeit ist ganz sicher eine Herausforderung, die ich in ein Geschenk transformieren will. Nur weil ich clean und nüchtern bin, heißt das noch lange nicht, dass gewisse Dinge nicht meine Aufmerksamkeit erregen. Ich akzeptiere, dass ich dieser Herausforderung wohl für den Rest meines Lebens ausgesetzt bin. Darüber hinaus habe ich Familienangehörige die denken, die Worte „Alkoholiker“ oder „Drogensüchtiger“ sind sehr schmutzig. Sie wollen so etwas nicht in ihrem Leben haben. Aber der Yoga hat mir erlaubt, eine Familie zu gründen und Intimität zu erfahren, die ich so bisher nicht kannte. Ich kann mir meine Familie aussuchen und wen ich um mich herum haben möchte.

Und es gibt noch eine weitere große Herausforderung: Du siehst mich während dieses Interviews und wenn ich Yoga unterrichte, und das sind die Dinge, die ich liebe. Aber die Wahrheit ist, dass ich manchmal morgens aufwache und denke: „Scheiße, es ist Yogalehrer-Ausbildungstag, ich will mit niemandem sprechen, ich will niemanden sehen, ich will nicht über Yoga reden.“ Es gibt Tage, an denen ich sehr verletzlich bin. Das Leiden eines Süchtigen ist Isolation. Unsere wahre Erkrankung ist unsere Unfähigkeit, wahre Beziehungen zu anderen aufzubauen. Ich blicke also auf meine höhere Kraft, welche ich Gott nenne, die sagt: „Ich stecke dich in eine Karriere, wo alles was du tun musst darin besteht, dich mit Leuten auseinanderzusetzen und mit ihnen in Beziehung zu sein.“

Meine Transformation besteht darin, meine Vergangenheit anzuschauen und all die Jahre zu ehren; die Jahre der Drogen, des Alkohols, des Drogenhandels, der Prostitution und der Pornographie. Und dabei nicht auf andere Leute zu blicken und zu sagen, sie seien dafür verantwortlich.

In deinem Buch Two Lifestyles, One Lifetime sind die Kapitel nach den Yamas und Niyamas benannt. Welche Rolle spielen sie in deinem Leben?
Sie sind so ziemlich das Einzige, was ich im Moment unterrichte. Das Buch ist meine Autobiographie und erzählt die Geschichte, wie ich alle Yamas und Niyamas verletzte. Ich will sehr klar herausstreichen, wie ich sie in meinem Leben integriere, wenn ich ins Wanken gerate. Ich gebe nicht vor perfekt zu sein. Ich habe immer noch Tage wie jeder andere. Die Transformation endet nie.

Eine der Yamas ist Satya, Wahrhaftigkeit. Vieles von dem, was du im Buch schreibst, ist sehr ehrlich. Welche Reaktionen erhältst du von deinen Studenten in Bezug auf deine Vergangenheit?
Das ist wer ich bin. Ich gehe hier keine Kompromisse ein, weder als Person noch als Lehrer. Warum bin ich so ehrlich? Es geht dabei um Inspiration! Ich kann keine Lehrer besuchen, die nur Yoga teilen. Ich muss hören, wie deren Yogapraxis aussieht. Wie integrieren sie das, was sie lehren, in ihrem eigenen Leben? Es muss nicht im gleichen Maß oder auf der gleichen Ebene sein, wie ich es tue.

In deinen Yogastunden forderst du deine Schüler in großem Maße. Wie hilfst du ihnen dabei, Herausforderungen mit offenen Armen zu begrüßen?
Der Yoga lehrt uns, dass wir Probleme haben werden. Aber du hast Hilfsmittel, zum Beispiel die Yamas und Niyamas, um zu navigieren und nicht gleich an die Decke zu gehen – und alles zu missachten. Wenn wir Yoga üben, dann kommen die Dinge an die Oberfläche, die wir im Innern festgehalten haben. Ich will die Menschen wissen lassen, dass ich die Probleme nicht für sie lösen werden. Aber ich halte einen heiligen Raum, in dem sie durch sie hindurchgehen können.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Infos

www.lesleventhalyoga.comAnzeige