„Eine kleine Reise ist genug, um uns und die Welt zu erneuern.“ Diese Weisheit von Marcel Proust begründet meine tiefe Liebe für das Reisen. Wenn ich meine Komfortzone, meinen Alltag, verlasse, eröffnet sich mir ein neuer Blick auf die Welt, und vielleicht auch auf mich selbst. Hierfür braucht es keinen Lonely Planet – aber eine gehörige Portion Achtsamkeit.

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Wohin hat dich deine letzte Reise geführt? Hat es dich an einen weit entfernten Ort verschlagen, an dem du Menschen aus fremden Kulturen kennengelernt und exotische Gerichte gegessen hast? Warst du wandern auf verschneiten Berggipfeln oder schwimmen im tosenden Meer? Oder hast du eine schillernde Metropole und den Puls der Zeit in einer szenigen Großstadt erkundet? Ganz egal, ob du für deine Reise 100 oder 10000 Kilometer zurückgelegt hast, ob du einen Tag oder ein ganzes Jahr unterwegs warst: In jeder Reise liegt das besondere Potenzial, deinen Blick auf die Welt fundamental zu verändern und dein Bewusstsein zu erweitern. In diesem Sinne kann das Reisen eine fruchtbare und zutiefst bereichernde yogische Praxis sein!

Ein neuer Blick auf alte Wahrheiten

Lecker essen, die Seele baumeln lassen, nette Leute treffen, Sehenswürdigkeiten bestaunen… ganz klar, all dies sind Aspekte des Reisens, die einfach Freude machen! Die Magie der Ferne, die uns und die Welt im Proust’schen Sinne erneuert, entfaltet sich jedoch auf tieferen Ebenen unseres Seins.

Auf einer Reise können fest geglaubte Wahrheiten ganz plötzlich und ohne Vorwarnung mächtig ins Wanken geraten. Denn jenseits des Radius, indem du dich gewöhnlich bewegst, triffst du viel eher Menschen mit verschiedenen Ansichten und aus anderen Kulturen, die ganz selbstverständlich Dinge grundlegend anders empfinden oder tun, als du selbst. Das kann manchmal schon ziemlich verwirrend und herausfordernd sein – ist allerdings auch eine ausgezeichnete Gelegenheit, Offenheit, Toleranz und Respekt zu kultivieren und die eigene Perspektive zu hinterfragen. Tritt zunächst in die Rolle des Beobachters, so wie wir es im Yoga üben – ohne Wertung. Nimm wahr, was wahrgenommen werden mag.

Vielleicht kommst du zu dem Schluss, dass es so etwas wie eine Wahrheit oder eine richtige Art und Weise, Dinge zu betrachten, überhaupt nicht gibt. Tatsächlich sehen wir Dinge nicht so, wie sie sind, sondern so, wie wir sind! Somit wird jeder Mensch, dem wir auf unserer Reise begegnen und jede Situation, in der wir uns wiederfinden, zu einem Spiegel, indem wir uns mit wachem Blick selbst erkennen können.

Sich besser kennenlernen

Darüber hinaus entdecken wir auf Reisen oftmals Aspekte unserer Persönlichkeit, die wir vielleicht so in unserem Alltag noch nicht kennenlernen durften. Jeder von uns vereint so viele Anteile ganz unterschiedlicher Charaktereigenschaften in sich. Sie schlummern manchmal ganz tief in uns und kommen nur in bestimmten Situationen zum Vorschein.

Wie gehst du zum Beispiel damit um, an einem Ort weit weg von deinen Freunden und deiner Familie zu sein? Hast du zum ersten Mal Heimweh, fühlst dich einsam oder bist ängstlich? Wie gehst du damit um, an einem Ort zu sein, an dem du dich äußerlich von allen anderen durch deine Hautfarbe oder deine Kleidung unterscheidest? Fühlst du dich verunsichert, beobachtet oder vielleicht sogar diskriminiert? Wie gehst du damit um, aus deinem gewohnten Arbeitsalltag gerückt zu sein? Fühlst du dich getrieben, gelangweilt oder vielleicht sogar gestresst?

Welche Gefühle auch immer zum Vorschein kommen: alles darf sein. Das besonders Schöne auf einer Reise ist es, mit diesen Gefühlen zu experimentieren. Du kannst dir vielleicht mehr Zeit und Raum eingestehen, sie zuzulassen, sie zu spüren. Mit etwas Übung kannst du außerdem Sicherheit in der Unsicherheit entwickeln. Auf Reisen weißt du schlicht und einfach häufig nicht, was der neue Tag bringen wird. Du weißt nicht, wem du begegnen wirst, mit welchen Erfahrungen du am Abend wieder zu Bett gehst. Zelebriere die Unsicherheit! Denn wenn eines sicher ist, dann ist es, dass nichts sicher ist! Oder?

Die Reise des Lebens

Man muss bestimmt nicht immer das Weite, Fremde und Neue suchen, um über den Tellerrand blicken zu können oder anregende Impulse für das eigene Leben zu erlangen. Tatsächlich können Reisen manchmal sogar eine Flucht darstellen. Denn solange ich im Außen ständig Veränderung und Ablenkung suche, muss ich mich weniger mit mir selbst und mit dem befassen, was tief in mir verborgen liegt. Nur du selbst kannst ergründen und wissen, ob dich eine Reise näher zu dir führt oder weiter von dir entfernt. In diesem Sinne ist das ganze Leben eine spannende Reise!

Die Art und Weise, wie du dich auf Reisen begibst, in andere Länder und Kulturen, kann dir viel über dich selbst verraten – jedoch nur, wenn du die Augen nicht allein auf atemberaubende Landschaften oder faszinierende Monumente richtest, sondern den Blick auch nach innen lenkst. So kann die Ferne dich schlussendlich nach Hause führen – nach Hause zu dir selbst.

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