Richtig dosiert kann eine Pflanze uns heilen. Zu viel des Guten hingegen kann gesundheitsschädlich, im schlimmsten Fall sogar tödlich sein. Das Gleiche gilt für spirituellen Input. Wer immer nur aufnimmt, anstatt es auch zu verdauen, darf sich nicht wundern, wenn irgendwann das Gefühl entsteht, dass nichts mehr geht.

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Vor zwei Jahren lernte ich eine Frau kennen. Privat geht es ihr gut, sie führt eine glückliche und sexuell sehr befriedigende Beziehung mit einem Mann. Aber beruflich kommt sie nicht wirklich weiter. Früher war sie sehr erfolgreich in einer Firma tätig, stieg vor zehn Jahren aus und machte sich als Beraterin selbstständig. Zu jener Zeit entfachte sich auch ihr Interesse für spirituelle Themen. Sie verschlang alle Bücher, die zu den Bestsellern im Bereich Yoga, Buddhismus, Erleuchtung, Mentales Coaching, Glück, Zufriedenheit, Ganzheit, Besonderheit und Einzigartigkeit zählen. Sie besuchte unzählige Workshops, Retreats, Fortbildungen und Seminare von sehr, sehr vielen namhaften Lehrern und auch unbekannteren Anbietern, die anhaltenden Erfolg versprechen. Und trotzdem kam sie irgendwie nicht wirklich weiter. Und das, obwohl sie permanent las und permanent suchte.

Wann immer ich sie in den letzten Monaten sprach oder mit ihr in Kontakt war, wirkte sie unzufrieden, zerstreut und erschöpft. Sie wusste weder ein noch aus. Sie hatte keine Idee, wohin sie sich noch wenden sollte, wen sie noch fragen sollte, um endlich den Hinweis zu bekommen, der ihr die richtige Richtung für ihre Zukunft weisen würde. Aber der kam nicht. Vielleicht hatte sie ihn aber auch überhört.

Auch von mir wünschte sie sich einen Rat, eine Buchempfehlung oder einen Seminartipp. Aber das Einzige, was ich ihr raten konnte, war: „Las alles los! Vergiss all das, was du in den letzten zehn Jahren gelesen und gehört hast.“ Zuerst staunte sie, dann schluckte sie und dann lachte sie. Und dann sagte sie: „Den Gedanken hatte ich auch schon.“

Wir selbst müssen die Arbeit tun

Wenn wir uns auf den spirituellen Weg begeben, dann sind wir vielleicht hungrig nach spirituellem Wissen. Wir saugen das, was spirituelle Lehrer sagen, mit jeder Faser unseres Seins auf. Wir sind beeindruckt und begeistert. Und vielleicht erhoffen wir uns, dass das Wissen der großen Gurus und faszinierenden Meister auf uns überschwappt, wenn wir möglichst viele Seminare von ihnen besuchen und möglichst viele Bücher von ihnen lesen. Aber, und das vergessen wir immer wieder: Die Arbeit müssen wir selbst tun! Den spirituellen Weg müssen wir selbst gehen. Den eigenen Geist müssen wir selbst zähmen. Die alten Verletzungen müssen wir selbst spüren. Die uralten Geschichten, mit denen wir identifiziert sind, müssen wir selbst loslassen. Das tut keiner für uns. Auch der weiseste Guru wird uns diese Arbeit nicht abnehmen.

Wie aber können wir es selbst schaffen, uns von all dem zu befreien? Wie aber lebt sich ein eigenes, spirituelles Leben, in dem wir nicht überfrachtet werden von Meinungen, Vorstellungen und Erfahrungen anderer? Wie können wir uns ganz auf den Weg einlassen, und zwar auf unseren eigenen Weg, der uns zu unserer eigenen Quelle führt? Wie können wir Spiritualität leben, ohne nur zu konsumieren?

Leer werden

Natürlich brauchen wir einen Menschen, der uns auf dem Weg begleitet oder uns zumindest die Richtung zeigt, in der dieser Weg liegt; um diesen dann selbst zu gehen und dabei Schritt für Schritt leerer zu werden. Denn nur dann, wenn wir leer werden, können wir in Kontakt kommen mit uns und unserer Quelle. Nur dann können wir all die Überlagerungen, die uns von uns selbst trennen, nach und nach abtragen. Mache Überlagerung lässt sich leicht abtrennen. Andere kleben so fest an uns, dass wir sie gar nicht bemerkten. Und wieder andere können wir nur mit viel Schmerz beseitigen.

Dieses Loslassen können wir nur dann, wenn wir leer werden und dann alles da sein lassen, was sich zeigt. Das ist natürlich leichter gesagt, als getan. Aber es lohnt sich. Denn nur durch die Leere können wir mit der Fülle in uns in Kontakt kommen. Und zwar mit unserer ureigenen Fülle. So paradox es auch klingen mag!

Ich möchte dir 7 Tipps geben, wie du dich von spirituellem Overload befreien kannst:

  1. Geh in die Stille. Nach Möglichkeit täglich. Ganz für dich alleine.
  2. Verzichte für einen ganzen Monat auf das Lesen von spirituellen Büchern, Zeitschriften und Artikeln.
  3. Überlege dir, was die jeweils wichtigste Einsicht der letzten fünf Seminare oder Retreats war, die du besucht hast. Überprüfe, ob du jede dieser Einsichten schon vollständig in dein Leben integriert hast. Wenn nicht, dann mach dich erst einmal daran, diese Erkenntnisse in dein Leben zu bringen. Damit wirst du wahrscheinlich auch schon genug zu tun haben.
  4. Verzichte immer wieder auf dein Handy oder das Internet. Besonders über die digitalen Medien erhalten wir so viele spannende Informationen, Videos und Empfehlungen. Und jeder weiß, wie schnell man sich im Netz verlieren kann. Nimm dir also auch hier Auszeiten.
  5. Geh in die Natur. Genieß die Stille, die du dort erleben kannst.
  6. Nimm Kontakt mit der Quelle in dir auf. Dann wirst du merken, dass du dort alle Informationen findest, die du benötigst, um wirklich glücklich und zufrieden zu sein.
  7. Mach dir bewusst, dass auch du einen Meister in dir hast, dass auch du bereits einen Buddha in dir trägst. Wende dich ihm zu, anstatt ihn immer im Außen zu suchen.

Wenn du einen dieser Tipps über einen längeren Zeitraum beherzigst, wirst du wahrscheinlich schon bald bemerken, dass es in deinem Kopf ruhiger wird und du wieder mehr zu dir selbst findest. Gib dir Zeit und hab Mitgefühl mit dir, wenn du wieder in alte Muster zurückverfällst. Alte Gewohnheiten können wir nicht von heute auf morgen ändern.Anzeige