Natürlich hast du das auch schon erlebt: Nach langem Harren und Hoffen in deinem Auto auf einen Parkplatz, schnappt dir jemand die gerade frei gewordenen Lücke einfach vor der Nase weg und ignoriert ganz dreist deine verständnislosen Blicke. Oder du stehst schon ewig und vollgepackt im Supermarkt an der langen Schlange an Kasse 1, das Orangennetz um den kleinen Finger gewickelt; endlich wird die zweite Kasse geöffnet – und alle hinter dir stürmen zum Band, als ginge es um die Goldmedaille.

Das sind zwei von zahllosen Beispielen für egoistisches Verhalten, das uns oftmals täglich begegnet. Es offenbart sich in kleinen Situationen im Alltag, denen wir bestenfalls nicht zu viel Gewicht beimessen. Und ganz ehrlich: Natürlich sind es nicht immer nur die anderen. Auch wir selbst drängen uns ab und an in den Vordergrund und schnappen uns in der Büroküche das letzte Stück Kuchen, auch wenn wir schon zwei hatten. Solche Situationen betrachte ich heute als Spielwiese, auf der ich Achtsamkeit, Geduld und Verständnis üben kann; und üben kann, die Dingen nicht immer so verdammt ernst du nehmen.

Was meiner Meinung nach mehr Aufmerksamkeit verdient, ist menschliche Selbstsucht im größeren Kontext: Die Ausbeutung der Ressourcen unserer Erde, die das natürliche Gleichgewicht unseres Planeten gefährdet, wirtschaftliche Machtspielchen, die die Kluft zwischen Arm und Reich immer größer werden lassen oder auch moderne Sklaverei in Form von billigen Lohnarbeitern in so genannten „Entwicklungsländern“, die unter großteils unwürdigen Umständen Waren für Menschen in reichen Industriestaaten wie Deutschland herstellen.

Ob an der Kasse im Supermarkt oder in der Chef-Etage einer großen Bank: Die Wurzeln egoistischen Verhaltens sind die gleichen.

Wurzen der Ichsucht

Eines vorweg: Meiner Meinung nach gibt es keine „Egoisten“. Es gibt allerdings sehr wohl Menschen, die vermehrt egoistisch handeln. Diese Unterscheidung ist wichtig, denn sie verdeutlicht, dass ein Mensch an sich niemals schlecht ist, sondern lediglich unheilsame Verhaltensweisen an den Tag legen kann. Egoistisch zu handeln, heißt die eigenen Interessen und Wünsche immer wieder an erste Stelle zu setzen ohne dabei die Konsequenzen für Mitmenschen oder unsere Umwelt im Blick zu behalten – und gegebenenfalls hierdurch auch sehenden Auges Schaden anzurichten.

Oft entsteht solch ein Verhalten aus einem tiefen Gefühl des Mangels heraus. Wir glauben, wie hätten nicht genug oder wären nicht gut genug und kompensieren vorhandene Minderwertigkeitsgefühle: Wir wollen mehr oder müssen im Vordergrund stehen, um uns bedeutend – und letztendlich geliebt – zu fühlen.

Darüber hinaus kann ich mich nur über einen anderen Menschen erheben und rücksichtslos meine eigenen Interessen verfolgen, wenn ich mich als isoliert von ihm betrachte. Das schmerzhafte Empfinden des Getrenntseins, ob nun bewusst oder unbewusst, macht selbstsüchtiges Verhalten überhaupt erst möglich – und durch die heute überwiegend vorherrschende Abgespaltenheit des Menschen von seiner Essenz auch mehr und mehr salonfähig. Und genau hier kommt der Yoga ins Spiel! Denn im Kern geht es beim Thema Egoismus um die Frage: Mit welchem Ich identifiziere ich mich überhaupt?

Welches Ich?

Wenn sich das ganze Universum gedanklich nur um mich kreist, stehe ich im ego-zentrierten Mittelpunkt. Dann sind meine Bedürfnisse, meine Ansichten, meine Ziele und Wünsche das Wichtigste – was um mich herum passiert ist zweitrangig. Aber was, wenn es diesen konstruierten Mittepunkt überhaupt nicht gäbe? Was, wenn ich nicht isoliert von anderen wäre und mich demnach nicht in Abgrenzung zu anderen verorten müsste – sondern wenn alles Eins ist?

Uns durch selbstsüchtiges Verhalten zu bereichern, wird uns nie wirklich erfüllen. Denn es geht gegen unsere Natur. Und was gegen unsere Natur geht, führt früher oder später zu Schmerz. Im Kern ist es Unwissenheit, die uns hierzu verleitet – die Unwissenheit über unsere Essenz, die Patanjali in seinem Yogasutra mit dem Begriff Avidya als eines der fünf Kleshas identifiziert, den Ursachen des Leidens. Aufgrund dieses Nicht-Wissens geschieht die Identifikation mit dem Nicht-Ewigen, dem Nicht-Selbst – und wir nehmen uns als getrennte, abgesonderte Wesen wahr, was als zweites Klesha definiert wird: Asmita, wörtlich übersetz mit „Ich-heit“.

Das wahre Selbst kennt keinen Mangel, das wahre Selbst verortet sich nicht in Abgrenzung zu „anderen“ – es ist Teil eines kosmischen Ganzen, das keinen Mittelpunkt kennt. Aus der Sicht des Yoga entsteht Ego-ismus also aus der Identifikation mit etwas heraus, das wir nicht sind.

Unser Ego setzt sich zusammen aus den vielen Prägungen und Mustern, die wir im Laufe unseres Lebens erfahren haben. Es ist nicht das, was wir sind, sondern das, wozu wir uns unbewusst haben machen lassen oder uns selbst gemacht haben. Das Ego ist per se überhaupt nichts Schlechtes oder gar unser Feind. Es ist nicht etwas, das wir überkommen müssen, sondern etwas, das wir transformieren wollen. Wir brauchen das Ego um im menschlichen Körper auf dieser Erde zu überleben und zu navigieren. Schwierig und unheilsam wird es erst dann, wenn wir uns zu sehr mit diesem Aspekt unseres menschlichen Seins identifizieren.

Sich von Egoismus lösen

Wenn Ichsucht also durch die falsche Identifikation mit dem Ego entsteht, können wir im Umkehrschluss Egoismus auflösen, wenn wir uns mit unserem grenzenlosen Selbst verbinden – welches alle Wesen einschließt. Hierfür können wir die zahlreichen Praktiken des Yoga nutzen, wie Asanas, Pranayama und vor allem die Meditation, die uns nach innen führt und in die Weite. Wir können aber auch ganz bewusst das Ego ein wenig herausfordern und uns mit kleinen, achtsamen Übungen im Alltag immer weiter davon distanzieren, indem wir die Befriedigung der eigenen Wünsch hinter die eines anderen Menschen stellen.

Uneigennützig zu sein heißt übrigens nicht komplette Selbstaufgabe auf Kosten des eigenen Wohlergehens. Den eigenen, tiefen Bedürfnissen nach zu handeln und manchmal auch klare Grenzen zu ziehen ist nicht egoistisch, sondern ganz im Gegenteil gesund.

Wenn wir unser Handeln in den Dienst anderer stellen, dann erweitern wir hierdurch unser Bewusstsein. Wir stärken die Verbindung zwischen den Menschen, wir stärken die Gemeinschaft, in der wir uns befinden. Wir bilden starke soziale Strukturen, in denen ein Mensch den anderen stützt – weil wir wissen, dass wir gemeinsam stärker sind als alleine. Und wir sind nicht nur eine Gemeinschaft auf sozialer Ebene, sondern auch auf spiritueller: Wir sind alle verflochten.Anzeige