Viel zu häufig schauen wir in unserem Leben auf das, was nicht gut läuft. Was aber ist mit den schönen Dingen? Hast du offene Augen für sie?

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In regelmäßigen Abständen treffe ich mich mit ein paar Leuten, mit denen ich eine Ausbildung gemacht habe. Ein Mann aus der Gruppe hat sehr schwierige Lebensumstände: Abgrenzungsschwierigkeiten dem Vater gegenüber, mehrere Kinder von verschiedenen Frauen, die nicht kooperativ sind, ein Alkoholproblem, keinen eigenen Raum, um Yoga und Meditation zu praktizieren und und und … Wir verbrachten den Großteil des Abends damit, ihm Tipps zu geben. Solche Situationen kennst du ja vielleicht auch.

Bevor wir dann in die gemeinsame Meditation gehen wollten, fragte ich in die Runde, was denn jeder an diesem Tag oder im Verlauf der letzten Wochen an Schönem oder Bereicherndem erlebt hatte. Schweigen. Jeder kramte im Kopf und es dauerte eine Weile, bis die positiven Erlebnisse zu Tage kamen. Es war wirklich beeindruckend! Als es um Probleme ging, schöpften alle mit eigenen Erfahrungen aus dem Vollen. Aber mit den schönen Erfahrungen taten sich alle etwas schwerer. Vielleicht kennst du so etwas ja auch.

Die Tendenz, den Blick zuerst und gerne auch sehr lange auf das Negative zu halten, hat mit unserem Gehirn zu tun. Ja, man könnte es als kleinen Pessimisten bezeichnen. Neurologisch betrachtet ist unser Gehirn, genauer gesagt unser limbisches System u.a. dafür da, sich erst einmal auf die Gefahren zu konzentrieren, anstatt den Blick auf das Schöne zu richten. Denn nur so war vor vielen Jahrtausenden unser Überleben gesichert.

Sehr vereinfacht gesagt befanden sich unsere Vorfahren in jenen Zeiten, in denen sie in der freien Natur lebten und von vielen Gefahren umgeben waren, in einer permanenten Habachtstellung. Das ganze System musste darauf vorbereitet sein, entweder zu fliehen oder anzugreifen.

Das Leben hat sich aber grundlegend verändert und wir sind heute – verglichen mit früheren Zeiten – immer noch sehr sicher. Und trotzdem, ob es um die Partnerschaft geht, den Beruf, das Geld, die eigenen Kinder, die Familie, Kollegen oder das Wetter: Die meisten Menschen finden ausreichend Themen, um ihrem Gehirn Zündstoff für das negative Denken zu beschaffen.

Da die menschliche Natur also tendenziell negativ gepolt ist, erscheint es umso wichtiger, positives Denken aktiv zu trainieren. Ein paar Übungen können dich dabei unterstützen:

Sieh das Gute in anderen Menschen
Tendenziell sehen wir in anderen Menschen eher das Negative. Das Positive gerät in den Hintergrund. Versuche, einen Tag lang an jedem Menschen, der dir begegnet, etwas Gutes oder Schönes zu erkennen. Vielleicht hat ein Kollege besonders schöne Lachfalten. Eine Nachbarin hat vielleicht eine besonders schöne Stimme. Der Busfahrer besitzt vielleicht ein liebenswertes Grübchen.

Sammle schöne Erinnerungen vom Alltag
Nutze die Zeit vor dem Schlafengehen, um dir drei schöne Dinge vor Augen zu führen, die du an diesem Tag erlebt hast. Es kann ein schöner Baum sein, den du gesehen hast, aber auch ein Lächeln, das dir geschenkt wurde. Wenn es mehr als drei Dinge sind: wunderbar!

Erinnere dich an besonders schöne Momente in deiner Yogapraxis
Rufe ganz bewusst schöne Momente ab, die du in deiner letzten Yogapraxis gehabt hast. Vielleicht war es ein besonders intensives Gefühl von Stille im Geist oder körperlicher Entspannung. Versuche, dieses Gefühl noch einmal in jeder Zelle deines Körpers aufzusaugen und dort zu speichern.

Verbinde dich mit den Herzen der Menschen
Nimm dir jeden Tag Zeit für eine kurze Meditation des Herzens. Öffne in dieser Meditation dein Herz für deine Mitmenschen – besonders für solche, mit denen du Schwierigkeiten hast. Mach dir bewusst, dass auch sie glücklich sein möchten. Genauso wie du. Mach dir bewusst, dass auch sie ihr Bestes tun – in ihrem Sinne.

Sieh das Gute in dir
Mit uns selbst sind wir häufig besonders streng. Wir fordern viel von uns und wertschätzen wenig von dem, was wir tun und wie wir es tun. Überleg dir daher am Ende des Tages drei Dinge, die du gut gemacht hast. Besser noch fünf!

Benenne Alltagsdinge, die dich glücklich machen
Denke am Ende des Tages an die Dinge, die dir selbstverständlich erscheinen, dein Leben aber deutlich erleichtern oder es besonders bunt machen, zum Beispiel gute Musik im Radio, Elektrizität, Sonnenaufgänge, ein funktionierendes Auto, ein offenes Ohr einer Person oder ein Mensch, der dich liebt. Verweile bei dem guten Gefühl, das dadurch in dir ausgelöst wird.Anzeige

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Doris Iding
Doris Iding ist Ethnologin, Yoga-, Meditations- und Achtsamkeitslehrerin sowie Autorin mit Schwerpunkt Integration östlicher Heilverfahren in den Westen und bewusstseinsverändernde Techniken. Ihr besonderes Interesse gilt der Vermittlung eines neuen Bewusstseins, bei dem der Mensch nicht mehr dogmatisch an alten Traditionen und Lehren festhält, sondern sich dafür öffnet, dass alles miteinander verbunden ist. In ihren Artikeln und Seminaren vermittelt sie auf leichte und spielerische Weise, wie wir entspannt, achtsam und wohlwollend zu uns selbst finden können. Vierzehn ihrer Bücher wurden in andere Sprachen übersetzt.