Immer wieder begegnen mir Menschen, die entweder gar keine Ausbildungen im Bereich Yoga, Achtsamkeit oder Meditation gemacht haben oder nur eine sehr kurze Fortbildung genossen haben, und sich dann als kompetent im Internet präsentieren. Worauf aber kommt es wirklich an?

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Vor einiger Zeit begegnete mir eine alte Bekannte, die beruflich sehr erfolgreich und darüber hinaus auch sehr vermögend ist. Als wir uns nach langer Zeit wieder einmal trafen, erzählte sie mir, dass sie keine Lust mehr hat, ihren alten Beruf auszuüben. Seit drei Jahren meditiert sie zu Hause und hat im letzten Jahr ein paar Fortbildungen im Schnellverfahren gemacht. Sie hat ein Meditationsretreat von drei Tagen besucht und viele Bücher gelesen.

Ich staunte nicht schlecht, als ich dann auf Facebook über eine Seminarankündigung von ihr stieß, in der sie beschrieb, dass jeder meditieren kann, und dass man innerhalb von 25 Meditationsstunden sein Gehirn verändern kann. Es reihten sich noch weitere Heilsversprechen in der Ankündigung aneinander. Neugierig geworden ging ich auf ihre Website und sah, dass sie Achtsamkeits- und Meditationskurse für Firmen und Privatpersonen anbietet. Sie selbst hat übrigens noch nie an einem Achtsamkeitskurs teilgenommen und auch nicht länger unter der persönlichen Anleitung eines Lehrers meditiert.

Anbieterinnen und Anbieter wie diese häufen sich in letzter Zeit und die Frage stellt sich: Wie lange und wie fundiert muss eine Ausbildung sein, bevor man als Achtsamkeitslehrer, als Yogalehrer oder als Meditationslehrer Kurse anbietet? Dieses Thema haben wir bereits mehrmals in unseren Printausgaben und auch hier auf dem Blog beleuchtet. Und da es so wichtig ist, kann es in meinen Augen nicht oft genug diskutiert werden.

Hier möchte ich ein paar Punkte aufführen, die mir persönlich wichtig sind:

1. Ein guter Lehrer bleibt immer auch Schüler

Auch ein gut ausgebildeter Yoga- oder Meditationslehrer ist nicht gefeit vor seinen eigenen blinden Flecken und Schattenseiten. Darum ist es in meinen Augen und aus meiner eigenen Erfahrung immer gut, einen Lehrer zu haben – selbst dann, wenn dieser nur ein paar Schritte voraus ist. Man könnte ihn natürlich auch als Supervisor oder Coach bezeichnen. Im Yogasutra werden die Kleshas beschrieben. Das sind die Energien, die uns davon abhalten, dass der Geist vollkommen in sich ruht. Diese Kleshas sind in ihrer Wirkung sehr subtil und sollten nicht unterschätzt werden. Ich bin immer wieder beeindruckt von großen Lehrern, die von sich selbst sagen: „Ich weiß, dass ich nichts weiß.“

2. Fundiertes Wissen ist notwenig, um den Menschen da abzuholen, wo er ist

Wer als Yogalehrer arbeitet, der braucht ein bestimmtes Maß an anatomischem Wissen, um z.B. Menschen mit Rückenbeschwerden etc. anleiten zu können. Die Unfälle im Bereich Yoga nehmen zu, weil Lehrer Standardprogramme lernen und diese in ihrem Unterricht runterspulen. Nicht umsonst heißt es, man soll den Yoga an den Menschen anpassen und nicht den Menschen an den Yoga. Das Gleiche gilt für psychisches Leid. Auch hier braucht es gewisse Kenntnisse der Psyche um zu wissen, für wen eine Meditationspraxis eher kontraproduktiv sein kann. Wenn ich als unerfahrener MBSR-Lehrer mit depressiven Menschen lange Meditationen mache, so ist dies nicht gut. Andere Arten der Meditationen sind für Menschen mit Schizophrenie etc. nicht gut. Wenn man dies nicht weiß, kann man einem Menschen eher schaden, als ihm zu helfen.

3. Die eigene Erfahrung zählt

Ich glaube, dass sich ein guter Lehrer auch dadurch auszeichnet, dass er selbst über eine langjährige Praxis verfügt – auch diese wiederum unter der Obhut eines Lehrers. Sie sollte deshalb langjährig sein, weil wir erst nach einer längeren Zeit mit dem eigenen inneren Schweinehund konfrontiert werden, die eigenen inneren Schatten auftauchen und wir mit den eigenen körperlichen und mentalen Grenzen zu tun haben. Eine solche eigene Erfahrung macht es überhaupt erst möglich, sich gut in andere hineinversetzen zu können.

4. Authentizität und ein offenes Herz

Ein guter Lehrer sollte mehr als eine schlechte Kopie seines Lehrers sein. Er sollte authentisch sein und auch zu seinen eigenen Grenzen stehen. Denn das macht ihn sympathisch und weckt Vertrauen. Das offene Herz – für die eigenen Fehler und die der anderen – ist ebenfalls wichtig. Ich stelle die eigenen Fehler bewusst an die erste Stelle, denn ich kenne so viele gute Lehrer, die ein großes Herz für die Fehler der anderen haben, aber sich selbst gegenüber sehr ungnädig sind.

Diese Punkte sind für mich wichtig. Wenn diese vier Punkte in einem guten Verhältnis zueinander stehen, dann glaube ich, dass ein Lehrer ein guter Lehrer ist. Und gleichzeitig bleibt ein guter Lehrer trotzdem sein ganzes Leben lang ein Mensch mit Fehlern, Macken und Ecken. Letztendlich gibt es weder vollkommene Lehrer noch vollkommene Schüler.

Was glaubst du, wie viel Ausbildung ein Lehrer braucht und was ihn ausmacht? Deine Meinung zu diesem Thema interessiert uns!Anzeige

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Doris Iding
Doris Iding ist Ethnologin, Yoga-, Meditations- und Achtsamkeitslehrerin sowie Autorin mit Schwerpunkt Integration östlicher Heilverfahren in den Westen und bewusstseinsverändernde Techniken. Ihr besonderes Interesse gilt der Vermittlung eines neuen Bewusstseins, bei dem der Mensch nicht mehr dogmatisch an alten Traditionen und Lehren festhält, sondern sich dafür öffnet, dass alles miteinander verbunden ist. In ihren Artikeln und Seminaren vermittelt sie auf leichte und spielerische Weise, wie wir entspannt, achtsam und wohlwollend zu uns selbst finden können. Vierzehn ihrer Bücher wurden in andere Sprachen übersetzt.

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