Tief Luft holen
Von Julia JohannsenIhr Atem verlangsamt sich. Etwa ein Atemzug pro Minute. Alles ist still und friedlich, wir stehen zu fünft am Bett meiner Großmutter. Keiner sagt etwas, klassische Musik läuft im Radio, die Schwestern haben das Licht ausgemacht, die Uhren umgedreht, Spiegel verhängt und Fenster geöffnet. Der Atem meiner Großmutter wird immer langsamer und hört dann ganz auf. Es ist kein Ende des Atems, sondern eher so, als würde der Atem aus dem Körper heraus fließen.
Noch nie vorher haben wir jemanden sterben sehen, wir kamen voller Unsicherheit, ohne zu wissen, was passiert. Alles scheint wie inszeniert und vollkommen, als hätte meine Großmutter darauf gewartet, auf diesen meditativen Moment, wir alle bei ihr, Uhren verdreht und offenes Fenster, um zu sterben. Wir sind verwundert, wie einfach und natürlich das Sterben ist, und sehr froh, dass wir bei ihr sind. Ihr Körper bleibt zurück wie eine leere Hülle, die Energie des Atems geht hinaus aus dem geöffneten Fenster, in einen anderen Zustand, den wir nicht kennen.
Atmung ist Energie, sie hält den Körper am Leben. Das Etymologische Wörterbuch des Deutschen leitet Atem über das Mittelhochdeutsche aus dem Althochdeutschen „atum“ und dieses schließlich aus dem Sanskrit „atma“ her, wo es „Hauch“, „Seele“, „Selbst“ bedeutet.
Der Atem ist normalerweise unbewusst, nur in besonderen Momenten wird er wahrgenommen, wie bei körperlicher Anstrengung oder psychischer Anspannung. Wir haben auf den Atem wenig Einfluss, er lebt in uns, aber ist nicht das Ich. Wenn wir aufgeregt sind, atmen wir schneller, ohne dass wir unmittelbar etwas dagegen tun können, im Schlaf atmen wir, ohne es zu spüren. Der Atem fließt in einem stetigen Rhythmus, ohne sich um alles andere zu kümmern: Einatmen, Ausatmen, Atemruhe.
Der Atemrhythmus ist das einzig Konstante in der Welt. Was auch geschieht, die Abfolge von Einatmen, Ausatmen und Atemruhe läuft immer weiter. Wenn wir sterben, hört dieser Rhythmus nur in unserem Körper auf zu sein. Überall sonst auf der Welt fließt er weiter, die Bewegung der Wellen im Meer gleicht dem Atemrhythmus. Geburt, Leben und Tod unterliegen der Bewegung von Kommen, Sein und Gehen.
In der Atemlehre nach Ilse Middendorf wird der Atem als Spiegel des eigenen Befindens betrachtet, als Verbindung zwischen Bewusstsein und Unbewusstsein. Das Grundprinzip der Atemlehre ist: Ich lasse den Atem kommen, ich lasse den Atem gehen und warte, bis der neue Einatem von selbst wiederkommt. Der natürliche Fluss der Atmung soll wahrgenommen werden, ohne ihn zu beeinflussen.
„Durch die Wahrnehmung des Atems können ungeahnte Kräfte zum Tragen kommen“, sagt Christa Camerer, Atempädagogin am Atemcentrum Berlin. „Bei Menschen mit chronischen Erkrankungen ist der eigene Atemrhythmus fast immer massiv aus dem Gleichgewicht geraten“, sagt die Therapeutin. Sie behandelt Schlaganfall- und Komapatienten, arbeitet dabei Hand in Hand mit Medizinern. Camerer behandelt nicht die Krankheit, wie sie selbst sagt, sondern den Atem.
In der Atemlehre nach Middendorf helfen praktische Dehnübungen, das Tönen von Vokalen oder Handauflegen den Patienten, ihren Atemrhythmus ins Gleichgewicht zu bringen. „Der Atem ist das Heile in uns. Jede Zelle unseres Körpers atmet“, sagt die Atempädagogin. Durch gezielte Atemübungen lernt der Patient, die Atmung und den Körper wahrzunehmen, die Gelenke öffnen sich, Verkrampfungen können sich lösen, die Selbstheilungskraft wird gestärkt. Ist der Atemrhythmus fließend und bewusst, findet auch der Geist zu mehr Ruhe und Ausgeglichenheit. Bewusstes Atmen verbessert nicht nur Körperfunktionen, sondern hat auch eine unmittelbare Wirkung auf den Geist.
Im Yoga ist Pranayama, die Atemführung, Teil der achtgliedrigen „Ashtanga“, die von dem indischen Weisen Patanjali beschrieben wurde. Die Lebensenergie (Prana) regulieren lernen, ist das Ziel der Atemtechniken, die im Yoga praktiziert werden. Manche Yogastile gehen wenig oder erst nach langer Praxis auf die Atmung ein, im Vordergrund steht die Praxis der Asanas. Im Iyengar Yoga z.B. wird Pranayama erst nach mehrjähriger Yogapraxis gelehrt. Im Kundalini Yoga nach Yoga Bhajan spielt die Atmung eine zentrale Rolle. Die bewusste Atemführung wird von Anfang an praktiziert und in die Übungen selbst einbezogen.
Es gibt im Kundalini Yoga viele verschiedene Atemtechniken, wie: Langer, tiefer Atem, Feueratem, Nasenloch-Wechselatmung, Atemübungen abwechselnd mit Nase und Mund, Atemübungen in bestimmten Rhythmen, mit Beteiligung der inneren Körpermuskeln (Bandhas), kombiniert mit Mantren, Atemübungen mit Pfeiftönen und bestimmten Zungen- Kiefer- oder Lippenhaltungen. Die bewusste Atmung soll die Energie zum Fliessen bringen, Energieblockaden in den Chakras lösen, den Körper mit Sauerstoff versorgen.
Die Verbindung von Atem und Bewegung hat den Effekt, dass die Muskeln sich besser dehnen können. Durch bewusste und kontrollierte Atmung, kombiniert mit der Praxis der Asanas, entsteht Kraft, Ausdauer und Beweglichkeit. Der Geist ist entspannter und zugleich frischer und aktiver. Im Zustand der Entspannung ist der Atem tiefer und ruhiger. Umgekehrt kann man einen unruhigen Geist beruhigen, indem man tiefer und ruhiger atmet.
Eine Atemmethode mit einem ganz anderen Ansatz wird von Ärzten angewandt, um verschiedene Krankheiten zu behandeln. Bei der sogenannten Sauerstofftherapie wird Patienten mit chronischen Krankheiten künstlich Sauerstoff zugeführt, z.B. durch Inhalation. Der abgesunkene Sauerstoffgehalt im Blut wird dabei auf das normale Niveau angehoben, gleichzeitig der Kohlensäuredruck im Blut abgesenkt. Die Sauerstofftherapie gibt es seit rund 200 Jahren, sie soll bei vielen chronischen Krankheiten helfen, wie Asthma, Immunschwäche oder Migräne.
Durch die Atmung gelangt Sauerstoff und Energie in den Körper, das regt die körpereigene Abwehr an, das Gehirn wird besser durchblutet. Schnelles und flaches Atmen bewirkt, dass zu wenig Sauerstoff in den Körper und ins Gehirn gelangt, Schadstoffe können beim Ausatmen nicht ausgestoßen werden. Die Folge: Müdigkeit, Anspannung und Schwächung des Immunsystems. „Richtiges Atmen ist eine Schwingung, die vom Zwerchfell ausgeht und sich wie eine Welle im ganzen Körper ausbreitet“, sagt Camerer.
Der Kranke atmet mit dem Hals, der Weise mit dem großen Zeh, sagt ein chinesisches Sprichwort. Bleibt die Atmung im Hals und Brustkorb stecken, ist sie flach. Breitet sie sich im Bauch und im ganzen Körper aus, bestenfalls bis hin zum großen Zeh, ist sie tief. Richtig Atmen bedeutet, langsam, tief und ruhig zu atmen. Bei vielen Menschen ist vor allem der Ausatem zu kurz. Oder sie atmen paradox: Beim Einamten zieht sich der Bauch zusammen. Richtig ist es umgekehrt: Beim Einatmen füllt sich der Bauch mit Luft, die Muskeln spannen sich an, das Zwerchfell senkt sich.
Beim Ausatmen zieht sich der Bauch zusammen, die Muskeln entspannen sich, das Zwerchfell hebt sich. In der Atemruhe, die zwischen Ausatem und neuem Einatem liegt, regenerieren sich Muskeln und Körper. Auch die Körperhaltung hat eine unmittelbare Wirkung auf die Atmung. Wer gekrümmt sitzt oder geht, kann nicht mehr so tief und entspannt atmen, wie jemand der aufrecht sitzt oder geht. Beim Singen und Sprechen sind Haltung und richtiges Atmen von großer Bedeutung.
Fühlen wir uns wohl und entspannt, atmen wir automatisch ruhiger, die Stimme klingt tiefer und kraftvoller. Bei Aufregung und Unwohlsein atmen wir flacher, die Stimme ist höher und schwächer. Um die Atmung zu vertiefen, kann auch ein natürlicher Reflex helfen. „Gähnen ist Atemtherapie in Mini-Format“, sagt Silvia Stadtmüller, Atempädagogin in Berlin. Beim Gähnen geschieht folgendes: Der Körper nimmt mehr Sauerstoff auf, der Ausatem vertieft sich. Die Augen werden feucht, durch die Bewegung des Unterkiefers entspannen sich Mund, Nacken und Hals. „Reißen Sie beim Gähnen so richtig den Mund auf“, empfiehlt die Atempädagogin.
Mehr Info
Atem-Centrum Berlin
Atemlehre nach Ilse Middendorf
Crista Camerer, Pariser Str. 19
10707 Berlin, tel. 030/881 64 77
www.atemcentrum.de
Zentralverband der Ärzte für Naturheilverfahren Sauerstofftherapie
www.zaen.de www.sauerstoff-therapie-forschung.de
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